Warum man Konflikte weg-atmen kann

von Trainer & Mediator Constance Ratazzi-Nelles von www.impuls-training.net


Konflikte, Konflikte


Als Human Factors Trainer und Consultant liegt einer meine Schwerpunkte in der Kommunikation. Wann immer ich in Rahmen meiner Schulungen und Workshops das Feld der Kommunikation mit meinen Teilnehmern bearbeite, dauert es keine Stunde und wir landen bei Missverständnissen und Konflikten. Sie scheinen ein elementarer Teil unseres menschlichen Miteinanders zu sein. Konflikte einigermaßen gut managen zu können, ist der Wunsch aller meiner Teilnehmer. De Facto gehen sie davon aus, dass ich, als Trainerin für Konfliktmanagement und Mediatorin, ihnen irgendwann im Laufer des Workshops schließlich ein Päckchen überreiche, in dem die Geheimnisse des Konfliktmanagements stecken und von da an kann man es. Wäre das so einfach, wäre ich entweder steinreich oder arbeitslos.




Warum Menschen unterschiedlicher Meinung sind


Lasst uns mal von vorne Anfange und schauen, warum Konflikte und Meinungsverschiedenheiten so allgegenwärtig sind. Der österreichische Sozialpsychologe Paul Watzlawick hat hierfür eine recht einleuchtende Erklärung. Er geht davon aus, dass es eine vom Menschen objektiv wahrnehmbare Realität nicht gibt. Viel mehr sagt Watzlawick, dass jeder einzelne Mensch sich seine eigene Realität selbst erschafft und das ganze nennt er dann Radikalen Konstruktivismus. Wie er darauf kommt? Betrachtet man sich den physiologischen Prozess der Wahrnehmung dann ist es tatsächlich so, dass nur etwa fünf Prozent der von unseren Sinnesorganen wahrgenommenen Reize tatsächlich in den Teilen unseres Gehirns ankommen, die diese verarbeiten. Das ist unglaublich wenig. Manchmal wundere ich mich, dass wir es so überhaupt schaffen, uns in unserer Welt zu orientieren. Das liegt vor allem daran, dass unser Gehirn in der Auswahl und der Interpretation dieser fünf Prozent extrem lernfähig ist und sich immer wieder auf Erfahrungen, Wissen und innere Werte beruft. Da es keine zwei Menschen gibt, die exakt die gleichen Erfahrungen gesammelt, das identische Wissen angehäuft und genau gleiche innere Wertesysteme adaptiert haben, können wir davon ausgehen, dass Watzlawick den Nagel mit seinem Konstruktivismus auf den Kopf getroffen hat. Folglich kann es also sein, dass zwei Menschen sich heftig streiten, weil sie komplett unterschiedlicher Meinung sind, und beide haben recht!



Kleiner Ausflug ins Gehirn


Jetzt könnte man meinen, dass ich diese Weisheit in bunte Päckchen stecke, sie in meinen Workshops verteilen und ab da muss man sich nicht mehr streiten, denn es gibt ja keinen Grund: meine Wahrnehmung, meine Wahrheit! Würde funktionieren, würde unser Gehirn nur aus unserer Großhirnrinde, dem modernsten, rationalen Teil unseres Gehirns, bestehen. Aber das, was wir Gehirn nennen, ist ein unglaubliches Konstrukt aus unterschiedlichen Teilen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Evolution entstanden sind. Ohne hier in die Tiefe gehen zu wollen, ist es so dass die ältesten Hirnteile auch am schnellsten reagieren. Macht ja Sinn, hatten diese doch viel mehr Zeit zum Üben. Einer dieser etwas älteren Teile ist unser Limbisches System, das Gefühlshirn. Der größte Teil dieses Limbischen Systems ist für positive Gefühle zuständig (Liebe, Freude, Glück…). Leider gibt es innerhalb dieses Systems einen echten Party-Pooper: unser Angsthirn, die Amygdala oder auch Mandelkern genannt. Ihre Aufgabe ist es, bei Bedrohung oder Gefahr den Menschen blitzschnell in Alarmbereitschaft zu versetzen und dafür zu sorgen, dass er je nach Situation entweder kämpft oder flüchtet. Wahrscheinlich haben wir unseren evolutionshistorischen Erfolg dieser Amygdala zu verdanken. Da sie aber schon etwas älter ist, kennt sie sich in der modernen Welt, in der wir heute leben, nicht aus und kann demzufolge auch nicht zwischen abstrakten und konkreten Gefahren unterscheiden.

Mit diesem Wissen über unsere Amygdala schauen wir uns jetzt mal das Wort Konflikt an. Das kommt aus dem Lateinischen von confligere, was so viel bedeutet wie zusammenstoßen, zusammenprallen. Kommt also jemand mit einer anderen Meinung oder einer anderen Wahrnehmung auf mich zu, wertet das meine Amygdala als konkreten, bedrohlichen Zusammenstoß und gibt Vollgas. Es wird gekämpft oder geflohen, noch eh die Großhirnrinde, die ja irgendetwas über Watzlawicks Konstruktivismus gelernt hat, Einhalt gebieten kann.

Ist meine Amygdala dann erstmal richtig in Fahrt, fängt sie sogar an, meine Großhirnrinde ein Stück weit zu blockieren, da sich der Körper in Kampf- oder Fluchtsituationen nur auf das nötigste beschränkt und höheres Denken weder zum schnellen rennen noch zum festen zuschlagen benötigt wird. Diesen Zustand hat die großartige Vera Birkenbihl als psychologischen Nebel bezeichnet.

Wir kennen das alle: eine ganze Weile nach einer größeren Auseinandersetzung fällt uns plötzlich ein, dass man eigentlich hätte noch das und das sagen sollen. Überhaupt stellt man fest, dass man die besten und naheliegendsten Argumente gar nicht genutzt hat, weil sie einem nicht eingefallen sind! Wie doof! An dieser Stelle gratuliere ich immer, weil das ein Zeichen dafür ist, dass man ein ganz normal funktionierendes Gehirn hat. Die Großhirnrunde war blockiert, wie sollte sie kreative Arbeit leisten. Und wie sollte unser Sprachzentrum fehlerfrei funktionieren, wenn es doch im Nebel ist?



Dann doch ein Päckchen


Natürlich gibt es im Rahmen meiner Workshops diese kleinen Päckchen mit klaren Strategien und Anleitungen zur Deeskalation und zum Konfliktmanagement. Das ist auch alles nicht schwer zu lernen. Ratzfatz hat man das in der Großhirnrinde abgespeichert. Die Kunst des Konfliktmanagements ist es aber nicht, diese Strategien zu kennen, sondern sie auch abrufen zu können. Das geht erst, wenn die Amygdala sich beruhigt hat und die Großhirnrinde aus diesem verdammten Nebel raus ist. Um DAS zu lernen, braucht es Workshops… Oder eben Yoga! Für den Rest reicht eigentlich ein Buch.



Die Bedeutung der Atmung


Schauen wir uns an, was mit unserem Atem passiert, wenn die Amygdala in Stresssituationen Gas gibt: wir stellen fest, dass er schnell, flach und unkontrolliert wird, während wir in der Entspannung (und Entspannung bedeutet auch immer, dass die Amygdala Ruhe gibt) ruhig, langsam und tief atmen. Hier besteht tatsächlich eine Wechselwirkung. Wir atmen nicht nur dann ruhig und tief, wenn unser Gehirn der Meinung ist, dass alles ganz entspannt ist. Wenn wir tief und ruhig atmen, sagen andere Teile unseres Gehirns der Amygdala, dass sie gefälligst mal Ruhe geben soll, weil doch alles in Ordnung ist. Da ist keine Gefahr, deshalb atmet der Mensch doch auch ganz entspannt. Im Yoga schafft man es so, sehr anspruchsvolle (bedrohlich anspruchsvolle) Asanas besser zu halten. Alles nur Kopf- oder besser gesagt Atemsache!


Die Bedeutung der inneren Haltung


Deshalb geht es in meinen Workshops zum Thema Konfliktmanagement erstmal nicht darum, Strategien kennen zu lernen. Das ist erst der dritte Schritt. Zunächst muss man erkennen, ob man ruhig genug ist, um überhaupt deeskalierend einwirken und Strategien zum Konfliktmanagement anwenden zu können. Achtsamkeit und die Reflexion der eigenen inneren Haltung sind gefragt. Und wenn ich dann merke, dass ich super wütend bin und am liebsten schreien würde (was völlig in Ordnung ist, weil das eine absolut normale menschliche Reaktion ist), muss ich einen Weg finden, um mich zu beruhigen. Und Atemkontrolle stellt hier eine tolle Möglichkeit dar, genau wie im Yoga. Eine weitere Möglichkeit ist, eine Minute ganz breit zu grinsen (hierzu gibt es ein super YouTube Video von Vera Birkenbihl). Ziehe ich meine Mundwinkel nach oben, stimuliert das den Vagusnerv, der als Teil des vegetativen Nervensystems auch Ruhenerv genannt wird, weil er eben auch für innere Ruhe und Entspannung sorgt. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass ich schon so oft von Yogalehrern rund um die Welt dazu aufgefordert wurde, zu lächeln.


Ich, als urbaner Yuppie-Yogi, musste mich erstmal eine Weile mit moderner Hirnforschung beschäftigen, um meinen Weg zum Yoga zu finden und dessen Benefit zu verstehen. Um so erstaunlicher ist es für mich, dass Yogis schon vor über 3000 Jahren verstanden haben, wie wichtig Atem, Lächeln und innere Haltung für ein entspanntes, gutes und friedliches Leben sind.

Während ich also Schritt für Schritt die Kernthemen meiner Arbeit als Trainer im Yoga wiederfinde, habt ihr ja jetzt vielleicht auch mal Lust Ujjayi im Alltag zu nutzen, um dann mit ganz klarem Geist aus einem Konflikt eine Problemlösung werden zu lassen.



Eure Constance



PS: Zum Abschluss noch zwei Fun Facts:

  • Die Amygdala war ursprünglich mal Teil des Riechzentrums. Deshalb haben Geruchswahrnehmungen bis heute noch immer ungefilterten Zugang zur Amygdala, auch die über 95 Prozent der Gerüche, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen. So haben Gerüche einen überproportional hohen Anteil daran, ob wir uns sicher fühlen. Jetzt wisst ihr, warum wir uns im Yogalover Studio so gut entspannen können! Vielen Dank für die beruhigenden Düfte, liebe Beate, meine Amygdala liebt sie!

  • Eine Art Gegenspieler der Amygdala ist der Hippocampus. Dieser spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Stresshormonen. Regelmäßige Meditation bewirkt, dass dieser Teil des Gehirns anwächst und an Volumen gewinnt. Keine Sorge, Mediation wird nie dazu führen, dass der Kopf platzt! Aber sie stärkt neurowissenschaftlich nachweisbar den Teil des Gehirns, der uns ausgeglichener macht!

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